Offener Brief an RBB-Intendantin Dagmar Reim

Bonn, 27.04.2006

Sehr geehrte Frau Reim,

herzlichen Dank für Ihre ausführliche Antwort auf unsere kritischen Anmerkungen zur Ausstellung "75 Jahre Haus des Rundfunks". Wir akzeptieren Ihren Hinweis, dass hier insbesondere die wechselvollen Zeiten zwischen Weimarer Republik, Nationalsozialismus, Nachkriegswirren und Kaltem Krieg beleuchtet werden sollten.

Dennoch nahm das moderne Programm, inklusive des "Radiofrühlings" des Sender Freies Berlin, deutlich Raum in der Ausstellung wie in der Begleitbroschüre ein - mit der namentlichen Nennung von gut einem Dutzend legendärer Sendungen, nur nicht der Sendung, die impulsgebend war für Frauen und die über die Landesgrenzen hinaus Aufsehen erregte, weil sie nicht nur besonders gut ankam, sondern ein Meilenstein war für die Wortmeldung von und für Frauen.

Da liegt unser Schmerz: Dass die Präsenz von Frauen in einer Aufzählung nicht vorkommt, obwohl gerade die Sendung "Zeitpunkte" eine Errungenschaft ist, die den SFB auf besondere Weise schmückt.

Diese Empfindlichkeit gegenüber dem Nicht-Erwähntwerden wollen wir beibehalten. So lange, bis wir unsere Anliegen so selbstverständlich wahrgenommen wissen, dass uns kein Übersehenwerden mehr schmerzt. Und gerade weil der RBB heute so eindrucksvoll von mehreren Frauen in Führungspositionen geprägt wird, erhoffen wir uns ja von Ihnen, die besondere Sensibilität gegenüber Frauenbelangen mit uns zu teilen.

Nebenbei: Die Berlinerinnen stellen die größte Regionalgruppe des Journalistinnenbundes, und zwar insbesondere durch Mitarbeiterinnen des RBB. Eine davon - Gesine Strempel, die seit 1967 die Sendung "Zeitpunkte" wesentlich prägte und immer noch prägt - ehren wir auf unserer bevorstehenden Jahrestagung im Juni in Bonn. Sie erhält für ihr Lebenswerk unsere höchste Auszeichnung, die Hedwig-Dohm-Urkunde. Damit ehren wir auch ihre Redaktion.

In diesem Sinne
freundliche Grüße

Eva Kohlrusch
Vorsitzende des Journalistinnenbundes

Zum Nachlesen

Antwortbrief von Dagmar Reim, Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg, RBB, auf die Kritik des Journalistinnenbundes, dass die frauenpolitische Sendung "Zeitpunkte" auf einer Ausstellung über das "Haus des Rundfunks" und seiner Geschichte nicht erwähnt wurde.

Sehr geehrte Frau Kohlrusch,

haben Sie Dank für Ihren Brief vom 4. April. Ich bin darüber aus mehreren Gründen verwundert.

Unsere Ausstellung thematisiert nämlich nicht in erster Linie die Programme des rbb. Sie handelt vielmehr vom Haus des Rundfunks. Dieses Haus ist im Januar 75 Jahre alt geworden, und die Ausstellung beleuchtet 75 wechselvolle Jahre: Rundfunkgeschichte in der Weimarer Zeit, während der Nazi-Diktatur, unter sowjetischer Besatzung, im Kalten Krieg, während de deutschen Teilung, im wiedervereinigten Deutschland.

Die Sendung ZEITPUNKTE ist uns nicht lieb, sondern teuer. Anders ließe sich ihre hervor-ragende Ausstattung mit Stellen und Etat nicht erklären. Als die ZEITPUNKTE 25 Jahre alt wurden, haben das gebührend gefeiert: mit einem Empfang, mit einer kleinen Ausstellung, mit Sondersendungen etc.

Hätten wir eine Ausstellung über prägende Programmformate des SFB/rbb konzipiert, wären die ZEITPUNKTE dabei gewesen. Doch im baulichen Kontext des HdR kamen die ZEITPUNKTE ebenso wenig dezidiert vor wie - schätzungsweise - 324 andere Formate unseres Hauses.

Die Arbeitsgruppe zur Konzeption unserer Ausstellung wurde von einer Frau geleitet - der stellvertretenden Intendantin des rbb. Frau Hannelore Steer. Es waren mehr Frauen als Männer beteiligt.

Es wäre schön gewesen, der Journalistinnenbund hätte vor seiner flammenden Anklage recherchiert. Das kann nie schaden, ehe man steile Unterstellungen in die Welt setzt ("Frauen und ihre Arbeit ... werden für so nachrangig gehalten ... , dass beides einfach aus dem Gedächtnis fällt und damit auch aus der Geschichte").

Freundliche Grüße
Ihre Dagmar Reim

P.S. Dass sich der Besuch der Charlottenburger Bürgerinnen und Bürger im rbb bis nach Frankfurt herumspricht, freut uns sehr!

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