„Frauen schleppen Konflikte manchmal jahrelang mit sich herum“
Interview mit Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur „Die Zeit“Als
Sie 2004 als Chefredakteur der „Zeit“ antraten, haben Sie das Ziel
formuliert, mehr Leserinnen gewinnen zu wollen. Ist Ihnen das gelungen?Wir
haben unsere Reichweite um 150.000 vergrößert, und diese Steigerung
verdanken wir fast ausschließlich neu hinzugekommenen Leserinnen.
Gleichzeitig sind uns die männlichen Leser treu geblieben. Besonders
erfreulich ist, dass viele Neuabonnenten zwischen 20 und 30 Jahre alt
sind.
Wie haben Sie das geschafft?Wenn
in der Innenpolitik wenig Spannendes geschieht, schreiben wir mehr über
gesellschaftliche Themen. Besonders erfolgreiche Titel in den letzten
Jahren lauteten zum Beispiel: „Was ist männlich?“, „Wir brauchen einen
neuen Feminismus“, und „Die Emanzipationsfalle“. Artikel über die
Mechanik der Macht interessieren Frauen und jüngere Leser weniger.
Sie hatten auch angekündigt, mehr leitende Positionen mit Frauen besetzen zu wollen. Haben Sie das geschafft?Wir
haben gerade beschlossen, ein Schlüsselressort mit einer Frau zu
besetzen: Vom 1. August an wird Brigitte Fehrle unsere
Hauptstadtredaktion leiten. Wir haben schon eine Chefin vom Dienst,
eine Ressortleiterin des Reise-Teils, eine Foto-Chefin und eine
Text-Chefin. Leider ist die Ressortleiterkonferenz aber immer noch
überwiegend männlich besetzt. Deshalb laden wir inzwischen
Redakteurinnen mit ein.
Ist es so schwer, Frauen für leitende Aufgaben zu finden?Manche
Kolleginnen, die dafür durchaus geeignet wären, sagen zum Beispiel,
dass sie sich die Machtkämpfe unter Männern nicht antun wollen. So eine
Stelle erfordert viel Frustrationstoleranz, sie bedeutet 10 Prozent
Freude und 90 Prozent Pflicht. Männer gehen damit anders um. Ihnen ist
das soziale Prestige wichtiger.
Verändern Frauen in leitenden Positionen die Zeitung?"Beim
"Tagesspiegel" gab es in meiner Zeit als Chefredakteur und auch danach
eine Politik-Chefin, eine Wirtschafts-Chefin, eine Chefin der
Parlamentsredaktion, eine Medien-Chefin, eine Feuilleton-Chefin und
eine stellvertretende Chefredakteurin. Ich habe damit gute Erfahrungen
gemacht. In den Redaktionskonferenzen wurde konzentriert an der
Blattgestaltung gearbeitet, und es ging weniger um Statusmarkierung.
Allerdings: Männer können Konflikte besser austragen als Frauen.
Sie streiten sich einmal heftig, dann ist es wieder gut. Frauen
schleppen Konflikte manchmal jahrelang mit sich herum.
Werden Sie die Zahl der Redakteurinnen bei der „Zeit“ erhöhen?Seit
meinem Antritt als Chefredakteur sind 45 Prozent der Neueinstellungen
Frauen. Aber das Verhältnis in den Redaktionen ist noch nicht so, wie
ich es mir wünsche.
Gibt es Teilzeit-Stellen bei der „Zeit“?Einige
Redakteure und Redakteurinnen reduzieren ihre Arbeitszeit, wenn sie
Kinder bekommen. Im Literaturressort haben wir eine Stelle mit zwei
Personen besetzt. Unter den verschiedenen Teilzeit-Modellen leidet aber
leider oft die Kommunikation und Effizienz im Ressort.
Interview: Tina StadlmayerZur
Person: Giovanni di Lorenzo wurde 1959 als Sohn einer Deutschen und
eines Italieners geboren. Er leitete die Seite-Drei-Redaktion der
Süddeutschen Zeitung und war Chefredakteur der Berliner Tageszeitung
„Der Tagesspiegel“. Seit 2004 ist er Chefredakteur der Wochenzeitung
„Die Zeit“.
