Mehr Verbindendes als Trennendes
Das deutsch-polnische Stipendienprogramm „Blicke über die Oder - Rzut oka za Odrę” – eine Bilanz
„Ich
habe gelernt, dass unsere Generation mehr miteinander verbindet als
unsere Nationen trennt. Dass wir in den gleichen Situationen unsere
Fotoapparate zücken. Dass die von unseren Eltern gehasste Ästhetik des
sozialisischen Realismus für uns den Geschmack der Proustschen
Madeleines hat. Dass das Lachen der größte Verbündete des Dialogs ist,
wenn das atavistische Vergnügen am Aufzählen des deutsch-polnischen
Unheils sich meldet.”
So
beginnt das Resümee der polnischen Journalistin Natalia Gańko. Sie war
eine der zehn Teilnehmerinnen des Stipendienprogramms „Blicke über die
Oder - Rzut oka za Odrę”, das der Journalistinnenbund im vergangenen
Jahr durchgeführt hat. Das Projekt ermöglichte fünf Tandems, jedes Paar
bestehend aus einer deutschen und einer polnischen Journalistin, ein
frei gewähltes, für beide Länder relevantes Thema gemeinsam zu
recherchieren und anschließend darüber in deutschen und polnischen
Medien zu veröffentlichen.
Bearbeitet
wurden von den Stipendiatinnen im Alter zwischen 28 und 43 Jahren
einerseits aktuelle Themen wie „Karriere oder Mutterschaft?“ – ein
Dilemma, vor dem viele Frauen in Polen und Deutschland stehen. Oder die
Situation von Frauen im Grenzgebiet rechts und links von Oder und
Neiße. Ein weiteres Tandem ging unter dem Titel „Früher LPG – heute
Unternehmerin“ der Frage nach, welchen Ausweg aus der Arbeitslosigkeit
Frauen in den strukturschwachen ländlichen Regionen in Ostdeutschland
und Ostpolen nach der Systemwende genommen haben.

Unterwegs
in Ostdeutschland und den Masuren: Nicola und Agnieszka berichteten
über Wege aus der Perspektivlosigkeit für Frauen in strukturschwachen
Regionen
Herstory – weibliche Lagerhäftlinge in Auschwitz
Es
wurde aber auch „Erinnerungsarbeit“ betrieben. So beschäftigte sich ein
Paar mit einer Gruppe junger polnischer und deutscher Frauen, die
gemeinsam mit Überlebenden des KZ Auschwitz die Situation weiblicher
Lagerhäftlinge erforschen.
Die 33-jährige Journalistin Ulrike
Meitzner aus Berlin begab sich auf die Spuren ihrer Großmutter, Mutter
und Tanten, die bis 1945 in einem deutschen Kolonistendorf an der
Weichsel lebten und nach dem Krieg für mehrere Jahre in Potulice, einem
ehemaligen Nazi-Arbeitslager, für die polnische Seite als
Zwangsarbeiterinnen schuften mussten.
Bei
dieser Spurensuche wurde Ulrike Meitzner von der gleichaltrigen Natalia
Gańko unterstützt, die die Reise vorbereitete, die
InterviewpartnerInnen auf polnischer Seite kontaktierte, die Gespräche
führte und für ihre Partnerin ins Englische, die gemeinsame
Arbeitssprache des Tandems, übersetzte.
Natalia Gańko (li.) und Ulrike Meitzner beim Studium alter Briefe
„Prachterei” – ein Wort verbindet über Grenzen und Generationen hinweg„Ich
habe einen ersten, schon sehr tiefen Blick auf Polen bekommen, der ohne
Natalia nicht möglich gewesen wäre. Von einem Potulice-Überlebenden
blühende Wiesen gezeigt zu bekommen, wo immer noch ungekennzeichnet
tausende Leichen von Deutschen liegen, mit dem ehemaligen Knecht meiner
Großeltern zu sprechen und ihn von der Zeit mit meiner Familie und
danach erzählen zu hören – wobei er für die Unordnung der Nachbarn
verballhornt dasselbe plattdeutsche Wort benutzte, „Pracherei“, das ich
von meinen Großeltern kannte, und das ich wiederum für Natalia
übersetzte - den Besuch am Meer in Danzig und Sopot oder das
Kennenlernen ihrer Nachbarn in Schlesien hätte ich alleine nicht
erleben können, ” schreibt Ulrike Meitzner über die Zusammenarbeit mit
ihrer polnischen Kollegin Natalia Gańko.
Unfreiwillig unter einem Dach: Polinnen und Deutsche zwischen 1945-47Diese
wiederum hatte sich beworben mit dem Projekt „Sie begegneten sich -
Deutsche und polnische Frauen 1945-47 unter einem Dach in Polen”. Es
handelt vom nachbarschaftlichen Zusammenleben deutscher und polnischer
Frauen und ihrer Familien in Niederschlesien nach dem Krieg, als viele
der deutschen BewohnerInnen dieser Region noch nicht vertrieben,
polnische Bevölkerung aus den ehemaligen ostpolnischen Gebieten aber
bereits nach Niederschlesien zwangsumgesiedelt worden war. Aus dieser
unfreiwilligen Gemeinschaft erwuchsen manchmal lebenslange
freundschaftliche Kontakte über die Grenzen und Systeme hinweg. Davon
zeugen u. a. Briefe aus Deutschland, die Natalia Gańko von einer ihrer
Nachbarinnen im niederschlesischen Wleń zur Verfügung gestellt bekam.
Ulrike Meitzner verhalf ihrer Tandem-Partnerin zu Begegnungen mit
Deutschen, die einst aus der Gegend um Wleń vertrieben wurden, half
beim Sichten von über hundert dieser Zeitdokumente und bei deren
Übersetzung, recherchierte von Berlin aus, telefonierte mit
ZeitzeugInnen und Experten, z.B. dem Herausgeber Schlesischer
Heimatzeitungen.
Zukunftspläne der deutsch-polnischen TandemsUnerwartet
für beide ist daraus eine enge Arbeitsbeziehung entstanden und Pläne
für weitere gemeinsame Projekte: „Ich habe zum ersten Mal mit einer
Kollegin so intensiv zusammengearbeitet. Natalia und ich wollen das in
Zukunft fortsetzen, wir haben viele Themen, die uns beide
interessieren,” schreibt Ulrike Meitzner. Und Natalia Gańko ist sich
sicher, dass sie auch in Zukunft „von der Freundschaft und dem
journalistischen Tandem Gańko & Meitzner” profitieren wird.
Auch
andere Paare haben weitere gemeinsame zukünftige Pläne. „Fast alles,
was wir geplant haben, ist gelungen – sogar noch mehr, denn während
unserer Zusammenarbeit sind neue Ideen gemeinsamer Projekte
entstanden,“ schreibt die 39-jährige Margarete Wohlan, die mit Beata
Bielecka, ihrer 43-jährigen polnischen Partnerin zum Thema „Frauen
zwischen Kinder und Karriere“ recherchiert und veröffentlicht hat.

Karriere oder Kinder? Margarete und Beata
fragten nach der Unterstützung für berufstätige Frauen in Deutschland und
Polen.
„Von den eigenen Vorstellungen ablassen”Wenn
auch nicht alle Tandems so enthusiastisch auf ihre Zusammenarbeit
zurückblicken wie „Gańko & Meitzner” oder Wohlan und Bielecka, ist
doch das Resümee insgesamt sehr positiv: Die gegenseitigen
Hilfestellungen, die Diskussion des gemeinsamen Themas, das Beobachten
der anderen bei der Arbeit, die Auseinandersetzung über
unterschiedliche Recherchemethoden, das gemeinsame Reisen diesseits und
jenseits der Oder, all das wird als Zugewinn hervorgehoben:
„Natürlich
heißt ein gemeinsames Rechercheprojekt auch, von eigenen Vorstellungen
oder Herangehensweisen abzulassen und zu sehen, wie es die andere
macht. Dass das nicht immer einfach ist, zeigte sich bei uns schon an
der Herangehensweise ans Thema: Ich merkte schnell, dass ich Strukturen
suchte, um das Thema einzukreisen. Monika war vor allem Spontanität
wichtig, eben auch das auf sich zukommen lassen, was gerade erst vor
Ort der Recherche passieren kann.”, schreibt Melanie Longerich.
Nur
vereinzelt trübten mangelnde Sprachkenntnisse, vor allem des Polnischen
der deutschen Teilnehmerinnen und zu unterschiedliche Arbeitsstile das
Verhältnis.
„Ich habe von dem Projekt eine Zusammenarbeit
erwartet und die Erweiterung der Berichterstattung. Dank meiner
Partnerin ist es gut gelungen, eine deutsche Sicht ins Projekt
einzubringen,” schreibt etwa die 28-jährige Fernsehjournalistin Kinga
Wołoszyn-Świerk, die mit der gleichaltrigen Christina Hebel über eine
Gruppe junger polnischer und deutscher Frauen gearbeitet hat, die mit
weiblichen Überlebenden von Auschwitz in einer Art Geschichtswerkstatt
zusammenarbeiten. „Ich bin auch glücklich, dass ich tolle
Journalistinnen aus Polen und Deutschland kennen gelernt habe. Ich
hoffe, dass wir unsere Bekanntschaft in unserem beruflichen Alltag
vertiefen werden.”
Und Ulrike Meitzner schließt: „Neu für mich
ist Polen als Ort der Recherche oder der Berichterstattung. Das wäre
mir vorher völlig undenkbar erschienen, allein wegen der Sprache. Jetzt
sind viele Barrieren gefallen – der Blick über die Oder, um mit etwas
Pathos den Titel des Stipendiums mit einzubeziehen – ist mir jetzt erst
wirklich möglich geworden. Obwohl es sicher noch etwas dauert, ehe mein
Polnisch, das ich gerade dabei bin zu lernen, mir erlaubt, ohne
ÜbersetzerIn zu reisen.”
Damit hat das Stipendienprogramm
„Blicke über die Oder - Rzut oka za Odrę”, sein Hauptziel mehr als
erreicht, nämlich die direkte und persönliche Verständigung und die
Zusammenarbeit zwischen polnischen und deutschen Journalistinnen zu
fördern und das Interesse für das jeweils andere Land zu vertiefen.
Finanziell
gefördert wurde es von der Stiftung für deutsch-polnische
Zusammenarbeit, Kooperationspartnerin war die Friedrich-Ebert-Stiftung.
Eine gemeinsame Auftaktveranstaltung in Berlin und ein Abschlussseminar
in Wleń/Niederschlesien gaben den Rahmen des Projektes ab.
Projektkoordinatorinnen waren Ulrike Helwerth und Katrin Lechler, als
Jurorinnen bei der Auswahl der Tandem-Teilnehmerinnen wirkten Erica
Fischer, Julia Jordan und Katarzyna Weintraub mit.
Veröffentlichungen der StipendiatinnenBeata Bielecka
Matkom trzeba pomóc!, in: Gazeta Lubuska, 25./26.7.07
Den Müttern muss man helfen! (dt. Übersetzung)
Natalia Gańko
Chorzy na Potulice, in: Polityka, Nr. 36, 8.9.07
Potulitz-Kranke (dt. Übersetzung)
Ulrike in der „Alten Heimat” – eine deutsch-polnische Reise in die Vergangenheit, in FrauenRat 6/2007
Matka wysiedlonych, in: Polityka, Nr. 51/52, 22.-29.12.2007
Ulrike Meitzner
Apfelschalen und Stacheldraht – auf der Suche nach Potulice, in: FrauenRat 6/2007
Sendung: rbb, Kulturtermin, 26.2.07, 19.04 bei Kulturradio
Nicola Schuldt-Baumgart
„Früher gab es keine Träume“, in: existenzielle 4/2007
Margarete Wohlan
Kinder oder Karriere? DeutschlandRadio Kultur, 13.9.07
(Manuskript noch ergänzen)
Kinga Wołoszyn-Świerk
Frauen in Auschwitz, rbb-Fernsehen, Redaktion Kowalski trifft Schmidt, 2.12.07
http://www.rbb-online.de/pl/kowalskitrifftschmidt/beitrag/auschwitz_waren.html
Veröffentlichungen über das ProjektKatrin Lechler
Mit den Augen der Anderen – Deutsch-polnische Journalistinnen auf Recherchetour, in:
M – Menschen machen Medien, 10/2007
Mehr Informationen:
Bilder
von der Auftaktveranstaltung 24.5.2007
