Stipendiatinnen
Die Stipendiatinnen (Foto: Katrin Lechler)

Mehr Verbindendes als Trennendes

Das deutsch-polnische Stipendienprogramm „Blicke über die Oder - Rzut oka za Odrę” – eine Bilanz

„Ich habe gelernt, dass unsere Generation mehr miteinander verbindet als unsere Nationen trennt. Dass wir in den gleichen Situationen unsere Fotoapparate zücken. Dass die von unseren Eltern gehasste Ästhetik des sozialisischen Realismus für uns den Geschmack der Proustschen Madeleines hat. Dass das Lachen der größte Verbündete des Dialogs ist, wenn das atavistische Vergnügen am Aufzählen des deutsch-polnischen Unheils sich meldet.”

So beginnt das Resümee der polnischen Journalistin Natalia Gańko. Sie war eine der zehn Teilnehmerinnen des Stipendienprogramms „Blicke über die Oder - Rzut oka za Odrę”, das der Journalistinnenbund im vergangenen Jahr durchgeführt hat. Das Projekt ermöglichte fünf Tandems, jedes Paar bestehend aus einer deutschen und einer polnischen Journalistin, ein frei gewähltes, für beide Länder relevantes Thema gemeinsam zu recherchieren und anschließend darüber in deutschen und polnischen Medien zu veröffentlichen.

Bearbeitet wurden von den Stipendiatinnen im Alter zwischen 28 und 43 Jahren einerseits aktuelle Themen wie „Karriere oder Mutterschaft?“ – ein Dilemma, vor dem viele Frauen in Polen und Deutschland stehen. Oder die Situation von Frauen im Grenzgebiet rechts und links von Oder und Neiße. Ein weiteres Tandem ging unter dem Titel „Früher LPG – heute Unternehmerin“ der Frage nach, welchen Ausweg aus der Arbeitslosigkeit Frauen in den strukturschwachen ländlichen Regionen in Ostdeutschland und Ostpolen nach der Systemwende genommen haben.

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Unterwegs in Ostdeutschland und den Masuren: Nicola und Agnieszka berichteten über Wege aus der Perspektivlosigkeit für Frauen in strukturschwachen Regionen

Herstory – weibliche Lagerhäftlinge in Auschwitz

Es wurde aber auch „Erinnerungsarbeit“ betrieben. So beschäftigte sich ein Paar mit einer Gruppe junger polnischer und deutscher Frauen, die gemeinsam mit Überlebenden des KZ Auschwitz die Situation weiblicher Lagerhäftlinge erforschen.
Die 33-jährige Journalistin Ulrike Meitzner aus Berlin begab sich auf die Spuren ihrer Großmutter, Mutter und Tanten, die bis 1945 in einem deutschen Kolonistendorf an der Weichsel lebten und nach dem Krieg für mehrere Jahre in Potulice, einem ehemaligen Nazi-Arbeitslager, für die polnische Seite als Zwangsarbeiterinnen schuften mussten.

Bei dieser Spurensuche wurde Ulrike Meitzner von der gleichaltrigen Natalia Gańko unterstützt, die die Reise vorbereitete, die InterviewpartnerInnen auf polnischer Seite kontaktierte, die Gespräche führte und für ihre Partnerin ins Englische, die gemeinsame Arbeitssprache des Tandems, übersetzte.

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Natalia Gańko (li.) und Ulrike Meitzner beim Studium alter Briefe


„Prachterei” – ein Wort verbindet über Grenzen und Generationen hinweg

„Ich habe einen ersten, schon sehr tiefen Blick auf Polen bekommen, der ohne Natalia nicht möglich gewesen wäre. Von einem Potulice-Überlebenden blühende Wiesen gezeigt zu bekommen, wo immer noch ungekennzeichnet tausende Leichen von Deutschen liegen, mit dem ehemaligen Knecht meiner Großeltern zu sprechen und ihn von der Zeit mit meiner Familie und danach erzählen zu hören – wobei er für die Unordnung der Nachbarn verballhornt dasselbe plattdeutsche Wort benutzte, „Pracherei“, das ich von meinen Großeltern kannte, und das ich wiederum für Natalia übersetzte -  den Besuch am Meer in Danzig und Sopot oder das Kennenlernen ihrer Nachbarn in Schlesien hätte ich alleine nicht erleben können, ” schreibt Ulrike Meitzner über die Zusammenarbeit mit ihrer polnischen Kollegin Natalia Gańko.

Unfreiwillig unter einem Dach: Polinnen und Deutsche zwischen 1945-47

Diese wiederum hatte sich beworben mit dem Projekt „Sie begegneten sich - Deutsche und polnische Frauen 1945-47 unter einem Dach in Polen”. Es handelt vom nachbarschaftlichen Zusammenleben deutscher und polnischer Frauen und ihrer Familien in Niederschlesien nach dem Krieg, als viele der deutschen BewohnerInnen dieser Region noch nicht vertrieben, polnische Bevölkerung aus den ehemaligen ostpolnischen Gebieten aber bereits nach Niederschlesien zwangsumgesiedelt worden war. Aus dieser unfreiwilligen Gemeinschaft erwuchsen manchmal lebenslange freundschaftliche Kontakte über die Grenzen und Systeme hinweg. Davon zeugen u. a. Briefe aus Deutschland, die Natalia Gańko von einer ihrer Nachbarinnen im niederschlesischen Wleń zur Verfügung gestellt bekam. Ulrike Meitzner verhalf ihrer Tandem-Partnerin zu Begegnungen mit Deutschen, die einst aus der Gegend um Wleń vertrieben wurden, half beim Sichten von über hundert dieser Zeitdokumente und bei deren Übersetzung, recherchierte von Berlin aus, telefonierte mit ZeitzeugInnen und Experten, z.B. dem Herausgeber Schlesischer Heimatzeitungen.

Zukunftspläne der deutsch-polnischen Tandems

Unerwartet für beide ist daraus eine enge Arbeitsbeziehung entstanden und Pläne für weitere gemeinsame Projekte: „Ich habe zum ersten Mal mit einer Kollegin so intensiv zusammengearbeitet. Natalia und ich wollen das in Zukunft fortsetzen, wir haben viele Themen, die uns beide interessieren,” schreibt Ulrike Meitzner. Und Natalia Gańko ist sich sicher, dass sie auch in Zukunft „von der Freundschaft und dem journalistischen Tandem Gańko & Meitzner” profitieren wird.

   
Auch andere Paare haben weitere gemeinsame zukünftige Pläne. „Fast alles, was wir geplant haben, ist gelungen – sogar noch mehr, denn während unserer Zusammenarbeit sind neue Ideen gemeinsamer Projekte entstanden,“ schreibt die 39-jährige Margarete Wohlan, die mit Beata Bielecka, ihrer 43-jährigen polnischen Partnerin zum Thema „Frauen zwischen Kinder und Karriere“ recherchiert und veröffentlicht hat.


Margarete und Beata

Karriere oder Kinder? Margarete und Beata fragten nach der Unterstützung für berufstätige Frauen in Deutschland und Polen.

„Von den eigenen Vorstellungen ablassen”

Wenn auch nicht alle Tandems so enthusiastisch auf ihre Zusammenarbeit zurückblicken wie „Gańko & Meitzner” oder Wohlan und Bielecka, ist doch das Resümee insgesamt sehr positiv: Die gegenseitigen Hilfestellungen, die Diskussion des gemeinsamen Themas, das Beobachten der anderen bei der Arbeit, die Auseinandersetzung über unterschiedliche Recherchemethoden, das gemeinsame Reisen diesseits und jenseits der Oder, all das wird als Zugewinn hervorgehoben:

„Natürlich heißt ein gemeinsames Rechercheprojekt auch, von eigenen Vorstellungen oder Herangehensweisen abzulassen und zu sehen, wie es die andere macht. Dass das nicht immer einfach ist, zeigte sich bei uns schon an der Herangehensweise ans Thema: Ich merkte schnell, dass ich Strukturen suchte, um das Thema einzukreisen. Monika war vor allem Spontanität wichtig, eben auch das auf sich zukommen lassen, was gerade erst vor Ort der Recherche passieren kann.”, schreibt Melanie Longerich.

Nur vereinzelt trübten mangelnde Sprachkenntnisse, vor allem des Polnischen der deutschen Teilnehmerinnen und zu unterschiedliche Arbeitsstile das Verhältnis.

„Ich habe von dem Projekt eine Zusammenarbeit erwartet und die Erweiterung der Berichterstattung. Dank meiner Partnerin ist es gut gelungen, eine deutsche Sicht ins Projekt einzubringen,” schreibt etwa die 28-jährige Fernsehjournalistin Kinga Wołoszyn-Świerk, die mit der gleichaltrigen Christina Hebel über eine Gruppe junger polnischer und deutscher Frauen gearbeitet hat, die mit weiblichen Überlebenden von Auschwitz in einer Art Geschichtswerkstatt zusammenarbeiten. „Ich bin auch glücklich, dass ich tolle Journalistinnen aus Polen und Deutschland kennen gelernt habe. Ich hoffe, dass wir unsere Bekanntschaft in unserem beruflichen Alltag vertiefen werden.”

Und Ulrike Meitzner schließt: „Neu für mich ist Polen als Ort der Recherche oder der Berichterstattung. Das wäre mir vorher völlig undenkbar erschienen, allein wegen der Sprache. Jetzt sind viele Barrieren gefallen – der Blick über die Oder, um mit etwas Pathos den Titel des Stipendiums mit einzubeziehen – ist mir jetzt erst wirklich möglich geworden. Obwohl es sicher noch etwas dauert, ehe mein Polnisch, das ich gerade dabei bin zu lernen, mir erlaubt, ohne ÜbersetzerIn zu reisen.”

Damit hat das Stipendienprogramm „Blicke über die Oder - Rzut oka za Odrę”, sein Hauptziel mehr als erreicht, nämlich die direkte und persönliche Verständigung und die Zusammenarbeit zwischen polnischen und deutschen Journalistinnen zu fördern und das Interesse für das jeweils andere Land zu vertiefen.

Finanziell gefördert wurde es von der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, Kooperationspartnerin war die Friedrich-Ebert-Stiftung. Eine gemeinsame Auftaktveranstaltung in Berlin und ein Abschlussseminar in Wleń/Niederschlesien gaben den Rahmen des Projektes ab. Projektkoordinatorinnen waren Ulrike Helwerth und Katrin Lechler, als Jurorinnen bei der Auswahl der Tandem-Teilnehmerinnen wirkten Erica Fischer, Julia Jordan und Katarzyna Weintraub mit.

Veröffentlichungen der Stipendiatinnen

Beata Bielecka
Matkom trzeba pomóc!, in: Gazeta Lubuska, 25./26.7.07
Den Müttern muss man helfen! (dt. Übersetzung)

Natalia Gańko
Chorzy na Potulice, in: Polityka, Nr. 36, 8.9.07
Potulitz-Kranke (dt. Übersetzung)
Ulrike in der „Alten Heimat” – eine deutsch-polnische Reise in die Vergangenheit, in FrauenRat 6/2007
Matka wysiedlonych, in: Polityka, Nr. 51/52, 22.-29.12.2007

Ulrike Meitzner
Apfelschalen und Stacheldraht – auf der Suche nach Potulice, in: FrauenRat 6/2007
Sendung: rbb, Kulturtermin, 26.2.07, 19.04 bei Kulturradio

Nicola Schuldt-Baumgart
„Früher gab es keine Träume“, in: existenzielle 4/2007

Margarete Wohlan
Kinder oder Karriere? DeutschlandRadio Kultur, 13.9.07
(Manuskript noch ergänzen)

Kinga Wołoszyn-Świerk
Frauen in Auschwitz, rbb-Fernsehen, Redaktion Kowalski trifft Schmidt, 2.12.07
http://www.rbb-online.de/pl/kowalskitrifftschmidt/beitrag/auschwitz_waren.html

Veröffentlichungen über das Projekt

Katrin Lechler
Mit den Augen der Anderen – Deutsch-polnische Journalistinnen auf Recherchetour, in: M – Menschen machen Medien, 10/2007


Mehr Informationen:

Bilder von der Auftaktveranstaltung 24.5.2007

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