Ein Highlight zur Gleichstellungspolitik

Literaturempfehlungen von Marlies Hesse im Nachtrag zum Medienfrauentreffen 2008 beim ORF in Wien

Funk und Fernsehen für alle

buchcoverDie Medienlandschaft befindet sich im Umbruch.  Jede(r) weiß um die Gefährdung der Rundfunkanstalten.  In dem soeben erschienenen Verdi-Positionshandbuch „Funk & Fernsehen für alle“ beziehen 18 WissenschaftlerInnen, JournalistInnen, PublizistInnen und Medienschaffende Position „für einen zukunftsträchtigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk“ und bringen neue Akzente in die aktuelle medienpolitische Diskussion ein. Vieles davon ist sehr nachdenkenswert, aber besonders herausragend ein Rückblick auf die Frauen- und Gleichstellungspolitik in den Sendern. Darauf richtet sich nun auch der nachfolgende Blick.

Zu Recht verweist Christina Oberst-Hundt (ver.di) als Initiatorin des Bandes in ihren einleitenden Vorbemerkungen auf dieses Highlight. Erstmals stellen Angelika Lipp-Krüll (SWR) und Ute Mies-Weber (DW) die Gleichstellungsbewegungen in den öffentlich-rechtlichen  Rundfunkanstalten vor. 

In diesem  Zusammenhang würdigen sie zugleich das schon zur Tradition gewordene „Herbsttreffen der Medienfrauen von ARD/ZDF“. Gerade fand es zum 31. Mal in Wien statt. Überaus spannend nachzulesen ist, wie die  institutionalisierte Gleichstellungsarbeit angefangen hat, wo sie hierarchisch angesiedelt war, wie die ersten  Dienstvereinbarungen aussahen, welche Rahmenbedingungen derzeit gelten und welche Etappensiege errungen wurden. 

Fakten, die vielen Medienfrauen heute schon gar nicht mehr präsent sind. Ahnbar ist, wie Berge von  Akten durchforstet werden mussten und wie kleinteilig die Arbeit war, um die eher trockene Materie anschließend im Detail so flüssig zu beschreiben, dass sie wie von selbst Interesse auslöst. Umso mehr ist den beiden Autorinnen dafür zu danken, wie perfekt ihnen die Bewältigung dieses umfangreichen Projektes gelungen ist. 

In Wertschätzung der Wegbereiterinnen, die das Tor öffneten und Strukturen schafften, legen sie mit ihrem geschichtlichen Abriss einen Grundstein, der es den bereits etablierten Nachfolgerinnen bei ARD und ZDF durchaus ermöglicht, den Herausforderungen der Zukunft gewachsen zu bleiben. Dem längst fälligen Einzug des Anliegens in das Rundfunkarchiv dürfte nun kein Einhalt mehr geboten sein.

Frank Werneke (Hrsg): Funk und Fernsehen für alle. Für einen zukunftsträchtigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
Hamburg:VSA-Verlag 2008, 268 S, 16,80 Euro

Und was sagt die Wissenschaft über den Journalismus? 

Empirische Studien zur Geschlechtergerechtigkeit in den Medien treffen immer auf das besondere Interesse von Journalistinnen, zumal wenn sie aus der Feder bekannter Frauenforscherinnen kommen. Die Professorin für Kommunikationswissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg, Christina Holtz-Bacha, gehört zu ihnen. Als Herausgeberin hat sie in diesem Jahr  gleich zwei Bände mit wissenschaftlich fundierten Beiträgen namhafter AutorInnen vorgelegt, die unbedingt Beachtung verdienen.

„Frauen, Politik und Medien“

coverIn „Frauen, Politik und Medien“ geht es ihr um die Medien-Darstellung von Politikerinnen in höchsten Staatsämtern. Auch wenn ihre Präsenz in den Medien zugenommen hat, wie nicht nur das GMMP des Journalistinnenbundes gezeigt hat, gibt es immer noch reichlich  Anlass zu Klagen über die Art und Weise, wie über sie berichtet wird.

Wie sich der Merkel-Faktor im Bundestagswahlkampf bemerkbar machte, wie die spätere Bundeskanzlerin im Angriff auf eine Männerbastion beurteilt wurde oder wie die Bildberichterstattung am Beispiel von 885 Bildern von Angela Merkel und Gerhard Schröder „Das Auge wählt mit“ Einfluss auf die Wahlentscheidung nahm, wurde eingehender analysiert  als es den Beobachterinnen des Journalistinnenbundes anhand eines  fehlenden  Codebuchs zu den Basisdaten beim eigenen „Angela Watch“ möglich war. Allein schon von daher sind die ergänzenden Analysen für RezipientInnen aufschlussreich. Darüber hinaus wird an Untersuchungen in anderen Ländern zusammenfassend aufgezeigt, wie sich dort  der Weg von Frauen in politische Spitzenpositionen vollzog und wie die inländischen Medien vergleichsweise im Wahlkampf mit ihnen umgingen.

Es bedarf wohl noch weiterer Generationen von Journalistinnen und Politikerinnen, um in Deutschland  die von der Herausgeberin gestellte Frage „Ist die Macht nun weiblich?“ zu bejahen. Alle elf Beiträge des Bandes unter Einbeziehung der Parteienwerbung um die Zielgruppe  Frauen sind  trotz des wissenschaftlichen Anspruchs leicht verständlich geschrieben. Angereichert mit  Tabellen und Diagrammen vermitteln die Thesen nachvollziehbare Tatsachen, die sich vermutlich beim Wahlkampf 2009 wiederholen.

Christina Holtz–Bacha (Hrsg): Frauen, Politik und Medien
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften  2008, 269 S. mit 21 Abb. und 17. Tab,  29,90 Euro 

„Stereotype? Frauen und Männer in der Werbung“

coverMit der Androhung des Europäischen Parlaments, Sex und sexistische Anspielungen in der Werbung künftig zu verbieten, hat  die von  Christina Holtz-Bacha gezogene Bilanz aus 50-Jahren Forschung zu Werbung und Geschlechterstereotypen unerwartete Aktualität erlangt.

Die 12 Beiträge im Sammelband  zum Thema „Stereotype? Frauen und Männer in der Werbung“ beschäftigen sich eingehend mit der Frage, wie es mit der Darstellung der Frauen und Männer in der Werbung im Einzelnen aussieht, wo die Verantwortung für die  präsentierten Bilder liegt und welche Tendenzen sich insbesondere in den letzten 10 Jahren abzeichneten. Die AutorInnen geben vielschichtige Antworten, in die sie neue  Untersuchungsergebnisse einbringen. Zahlreiche Abbildungen tragen zum Verständnis der inhaltlichen Aussagen bei.

Erstaunlich ist dabei, wie beharrlich  sich die alten Klischees über Jahrzehnte gehalten haben und wie sie bis in die heutige Gegenwart ihre Wirkung nicht verfehlen. Wo frau auch hinschaut, wird die Reduzierung der Frauen wie  Männer auf Stereotypen erkennbar. Und nicht von ungefähr kommt es, dass Frauen-Diskriminierung durch frauenfeindliche Werbung der häufigste Grund für Beschwerden beim Deutschen Werberat ist. Allein 2007 gab es drei öffentliche Rügen, weil diskriminierende Kampagnen  ohne Änderungen weiterhin geschaltet wurden.

Ob es sich nun um jung, schön und schlank aussehenden Werbemodels mit Sexappeal handelt oder  um die falsch und verzerrt dargestellten Alten, sie alle bewegen sich  im krassen Widerspruch zu ihrer sozialen Realität. Die erhebliche Unterrepräsentanz von Frauen, wie sie für andere Bereiche der Medienwelt konstatiert wurde, bestätigt sich auch anhand der untersuchten  Anzeigen, in denen z.B. im „Stern“ zu zwei Drittel Männerfiguren auftreten. Und das nicht nur dort.  

Interessant für den Journalismus ist,  dass der Einstieg der Frauen in die Werbebranche mit aktuell 52 % stetig  zugenommen hat, sodass schon fast von einem Frauenberuf gesprochen werden kann. Gleichzeitig ist unübersehbar, dass der Frauenanteil - ebenso wie bei den  Print- und elektronischen Medien - abnimmt, je höher es in der Hierarchie bergauf geht.

Vor dem Hintergrund, dass der Werbung eine wichtige Funktion zur Widerspiegelung gesellschaftlicher Gegebenheiten zukommt und Stereotypen in der Vergangenheit nur unzureichend analysiert wurden, schließt sich mit diesem Band endlich die  Lücke in der  bisher begrenzt  geschlechtspezifischer Forschungslage innerhalb Deutschlands.

Christina Holtz–Bacha (Hrsg): Stereotype? – Frauen und Männer in der Werbung
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften  2008, 292 S. mit 68 Abb. und 3 Tab,  29,90 Euro 

“Medien – Politik – Geschlecht“

coverSeit Angela Merkel Bundeskanzlerin ist, richtet sich der Blick auf die politische Kommunikations- und Medienforschung nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich vermehrt auf die Kategorie „Geschlecht“ als relevante Größe innerhalb der feministischen Forschung. In dem vorliegenden Band der Herausgeberinnen Johanna Dorer, Brigitte Geiger und Regina Köpl  zum Thema “Medien – Politik – Geschlecht“ führen die drei Wiener Wissenschaftlerinnen erstmals medienwissenschaftliche, politikwissenschaftliche und feministische Theorie- und Forschungsfelder interdisziplinär zusammen.

Im ersten Teil der Publikation beschäftigen sich die ausgewählten AutorInnen detailliert mit den Grundlagen ihres Forschungsfeldes. Dabei wägen  sie bekannte Dualismen wie Öffentlichkeit und Privatheit oder Information und Unterhaltung kritisch gegeneinander ab. Auch wenn es sich lohnen würde, auf alle 18 Beiträge einzeln einzugehen, sollen  zumindest dieAufsätze von zwei JB-Mitgliedern hervorgehoben werden. Elisabeth Klaus kritisiert Mängel in der Kategorienbildung und markiert gleichzeitig den Weg einer Neukonzeption.

Margret Lünenborg analysiert den Gender-Prozess mit der Feststellung  eines(nahezu)  ausgeglichenen Verhältnisses von Journalisten und Journalistinnen im Politik-Ressort. Erwähnenswert ist auch, dass sich Birgit Wolf bei ihren Betrachtungen über Frauen in den Nachrichten auf die Befunde des GMMP stützt.
Wie sich Politikerinnen und ebenso Journalistinnen in den Politik-Ressorts als Akteurinnen medial präsentieren, erfahren die RezipientInnen im zweiten Teil der Aufsatzsammlung. wiederum von  Christina Holtz-Bacha, deren Argumente aus ihrem Spezialthema schon bekannt sind (s.o).

Erst im dritten Teil werden verschiedene Politikfelder (u. a. Frauenpolitik, Gewalt, Antirassismus und Migration) behandelt. Das Schlusskapitel  widmet sich der Kriegsberichterstattung, in dem ebenfalls auf  stereotype Bilder (s. o.) aufmerksam gemacht wird, die sich als besonders wirkungsvoll erwiesen.

Im Dreieck von Medien, Politik und Geschlecht steckt die Publikation einen breiten Rahmen ab, der nicht besser gewählt werden konnte, um aus feministischer Sicht den aktuellen Forschungsstand zu dokumentieren.

Johanna Dorer, Brigitte Geiger, Regine Köpl (Hrsg.)
Medien – Politik - Geschlecht
Feministische Befunde zur politischen Kommunikationsforschung.
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften  2008, 285 S. mit 14 Abb. und 8Tab,  29,90 Euro 

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