Zeugnis von ihrem Selbstverständnis als Schriftstellerin, Publizistin und Feministin legen die 100 Briefe ab, die aus der Feder von Hedwig Dohm erstmals veröffentlicht vorliegen. Wie die Namensgeberin unserer jährlich verliehenen Urkunde für das Lebenswerk einer Journalistin ihre Kontakte zu nutzen wusste, blieb bisher weitgehend verborgen. Umso mehr überrascht, wie eng sich schon im 19. Jahrhundert soziale Netzwerke knüpfen ließen.
Dass Hedwig Dohms Biografie vorrangig über ihre literarischen Werke erschlossen wurde, hat zu so manchem Fehlschluss geführt. Kein Wunder, denn nicht einmal mehr als 14 ihrer Briefe waren zuvor bekannt: den ersten der aufgefundenen schrieb sie 1859 mit 28 Jahren und den letzten 1918 ein Jahr vor ihrem Tod im Alter von 87. Dazwischen liegen fast 60 Jahre eines bewegten Lebens mit einschneidenden politischen und gesellschaftlichen Veränderungen. Dabei kommen der Zeit entsprechend inhaltlich unterschiedlich angelegte Aspekte zum Ausdruck.
Die umfangreichste Korrespondenz innerhalb des Bandes nehmen die 29 Briefe und Postkarten an den Herausgeber der Zeitschrift „Die Zukunft“, Maximilian Harden, ein. Ihm fühlte sie sich trotz aller Differenzen in der Frauenfrage freundschaftlich verbunden - und mit ihm korrespondierte später auch ihre älteste Tochter Hedwig Pringsheim. Aber auch durch die Briefe mit anderen namhaften ZeitgenossInnen erfährt die Leserin, wie Hedwig Dohms Karriere verlief und wie kompromisslos sie die rechtliche Gleichstellung von Männern und Frauen forderte.
Nikola Müllers und Isabel Rohners jahrelanger und intensiver Suche nach Erinnerungstücken in deutschen und ausländischen Archiven ist es zu verdanken, dass jetzt im Rahmen der von ihnen herausgegebenen Edition Hedwig-Dohm eine kommentierte Sammlung von Dokumenten (Briefe, handschriftlich überlieferte Gedichte, Aphorismen und Albumblätter ) von unschätzbarem Wert vorliegt. Mit Recht bezeichnen die beiden Forscherinnen den Band IV als „erstes Herzstück der Edition“. Darin ist ihnen uneingeschränkt zuzustimmen. Dass sie mit dem Ergebnis ihrer immensen Recherchearbeit zugleich der „Forschung neue Perspektiven“ eröffnen, wurde bereits in einer ausführlichen Rezension der Zeitschrift „literaturkritik (Nr.12/2009) gewürdigt.
Marlies Hesse
Hedwig Dohm: Briefe aus dem Krähwinkel
Hrsg.von Nikola Müller und Isabel Rohner
Berlin: Trafo Verlag 2009. 171 S., 19,80 €, ISBN-13-9783896265630