Bettina von Kleist: Wenn der Wecker nicht mehr klingelt - Partner im Ruhestand

Endlich! Kein Wecker mehr, keine Pflichten mehr. Der Ruhestand ist erreicht. Die Freiheit beginnt. Doch dieser neue Lebensabschnitt sollte bewusst gestaltet werden, denn er dauert lange - durchschnittlich 18 Jahre. Die Mehrheit der Deutschen wird inzwischen vorzeitig pensioniert.

Die Berliner Journalistin Bettina von Kleist hat mit 40 Ruheständlern, vor allem Paaren, ausgiebige, einfühlsame Interviews geführt. Ihr Fazit: Nicht alle von ihnen sind glücklich mit der neuen Situation. Viele gehen durch unruhige Zeiten, wenn es eigentlich gemütlich werden könnte.

Rund 40 Prozent der über 65jährigen leben in einer Ehe. Das gibt im besten Falle Geborgenheit, aber die Stolpersteine in Beziehungen sind zahlreich. Plötzlich nimmt der Tag kein Ende mehr. Plötzlich hängt auch der Haussegen schief. Man ist gemeinsam in die eigenen vier Wände gesperrt. Der Ruhestand kann für Paare ein echter Absturz bedeuten. Oft setzt ein gewisses Revierverhalten vor allem bei den Frauen ein - die Männer dürfen mithelfen, aber sind doch die "ewige Praktikanten des Privaten" und machen es selten richtig. "Minenfeld Haushalt" nennt Bettina von Kleist das. Kein Wunder, dass die Scheidungsquote nach der Silberhochzeit drastisch gestiegen ist. Umfragen belegen, dass alleinlebende Frauen zufriedener sind als Ehefrauen.

Mit dem Ruhestand werden Frauen aber so oder so viel besser fertig als Männer. Für die ist der Verlust des Berufes oft schwer zu verdauen. Viele haben nach dem Motto gelebt: Ich arbeite, also bin ich. Wer sie im Ruhestand sind, müssen sie in krisenhaften Prozesses oft erst herausfinden. Viel zu selten haben sie sich im Voraus mit der Zeit nach der Arbeit beschäftigt.

Oft versäumen sie es auch, sich in guter Weise von ihren Kollegen und Vorgesetzten zu verabschieden. Sie schleichen davon, um den Schmerz zu mildern. Ein Fehler, wie die Autorin feststellt. Nur wer den Abschied gut gestaltet, schliesst auch innerlich mit dieser Lebensphase ab und wird frei für den Aufbruch in die nächste Etappe.

Doch was gehört zu einem erfüllten Ruhestand dazu? Bettina von Kleist hat wichtige Bausteine dafür gefunden. So werden die Familie, Freunde und Nachbarn im Alter wichtiger. Enkelkinder sind ein "Naherholungsort", wie es einer der Befragten nennt, der es liebt, "gebraucht zu werden". Auch ein Ehrenamt hilft vielen, sich sozial eingebunden zu fühlen und aktiv zu bleiben. Viele Senioren beginnen im Alter auch, das Internet zu erobern - eine gute Entscheidung, denn etwas Neues zu lernen hält die grauen Zellen länger jung.

Klar wird durch das Buch aber auch: der Traum vom neuen Leben nach der Pensionierung wird selten wahr. Zuviel Betriebsamkeit führt oft nur zu Ruhelosigkeit und zu einem Leben als "rasender Rentner". Bettina von Kleist empfiehlt, sich in der letzten Strecke des Lebens vor allem neue innere Welten schaffen. Und dazu gehören - nach ihren Recherchen - gut gestaltete Muße (über 60 Prozent der Senioren sitzen jeden Abend vor dem Fernseher...!), die Rettung der Zärtlichkeit zwischen den Partnern und waches Interesse für andere Menschen. Wer diese Mischung gut hinbekommt, muss sich nicht davor fürchten, wenn der Wecker nicht mehr klingelt.

Gabriele Heise

Bettina von Kleist: Wenn der Wecker nicht mehr klingelt - Partner im Ruhestand
Christoph Links Verlag, 2006, 240 Seiten, 14,90 Euro

 

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