Isabel Rohner: In litteris veritas. Hedwig Dohm und die Problematik der fiktiven Biografie.
Ein ganzheitlicher Blick auf Hedwig Dohm
Seit
ihrem 175. Geburtstag ist die Schriftstellerin Hedwig Dohm (1831-1919)
zunehmend ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zurückgekehrt. Wer
annimmt, ihr umfangreiches Werk sei längst hinreichend analysiert
worden, unterliegt einem Irrtum. Als brillante Essayistin und
Polemikerin ist ihr Ruf zwar unumstritten, aber als Literatin geriet
sie bis heute weitgehend in Vergessenheit. Nicht zuletzt daher, weil
ihre literarischen Texte über Jahrzehnte hinweg in den Archiven
verschwanden.
Erst den Herausgeberinnen der Edition Hedwig
Dohm, Isabel Rohner und Nikola Müller, ist es zu verdanken, dass seit
2006 eine kommentierte Gesamtausgabe des Werks der viel zitierten Ikone
der frühen Frauenbewegung erscheint. Wer allein schon die ersten Bände
mit den literarischen Texten sehr zu schätzen weiß, wird auf die
ergänzende Lektüre der ebenfalls im Trafo Verlag veröffentlichten
Dissertation von Isabel Rohner „In litteris veritas – Hedwig Dohm und
die Problematik der fiktiven Biografie “ keineswegs verzichten können.
Wissenschaftlich
fundiert und aufwendig recherchiert setzt sich die Autorin darin mit
bisher nicht widerlegten Fehlinterpretationen innerhalb der
feministisch inspirierten Forschung auseinander. Insbesondere bei
den Romanen und Novellen basierte sie in den 1970er und 80er
Jahren vordergründig auf dem Auffinden von vermeintlich
autobiografischen Fakten. Diese Reduktion zog schwerwiegende
Fehldeutungen nach sich. Zum einen wurde der literarische und
ästhetische Wert der Prosa von Hedwig Dohm damit völlig unterschätzt.
Zum
anderen flossen in die Darstellungen ihrer Biografie
Zuschreibungen ein, die ihrem realen Leben nicht entsprachen.
Künstlerisch-ästhetische Aspekte kamen bei dieser einseitigen
Fokussierung nachweislich so gut wie gar nicht ins Blickfeld. Mit
äußerster Akribie rückt Isabel Rohner die beschriebene Schieflage
wieder zurecht. Nachdem sie im ersten Teil ihrer Studie die Mechanismen
der Rezeption und das Textverständnis der Forschung untersucht hat,
widmet sie sich im zweiten Teil ausführlich einer
Literaturanalyse.
Am Beispiel des Romans „Schicksale
einer Seele“ (1899, neu 2007), der von der Forschung bis zur
Ausreizung autobiografisch gedeutet wurde, und der Novelle „Werde, die
Du bist“(1894, neu 2006) in der eine weitere fiktive Biografie im
Mittelpunkt steht, führt sie eindrucksvoll vor Augen, was verloren
geht, wenn Texte rein auf biografisches Material hin gelesen werden.
Ein
besonderer Fokus von Rohners literaturwissenschaftlicher
Auseinandersetzung liegt auf Dohms Ironie (in ihrem essayistischen Werk
war sie dafür berühmt) und auf der differenzierten Herausarbeitung
ihrer Identitätsphilosophie.
Trotz aller Kritik an den
Dohm–ForscherInnen (eingeschlossen die teils jüngste und nachweisbar
unreflektierte Biografie von Walter und Inge Jens über Hedwig
Pringsheim-Dohm) verwehrt ihnen die junge Wissenschaftlerin (Jg. 1979)
dennoch nicht die Anerkennung, Dohm nach vielen Jahren neu entdeckt zu
haben.
Aus den nachvollziehbaren Korrekturen der von ihr
belegten Forschungsfehler ergibt sich für die Leserin zwangsläufig die
Wunschvorstellung, es möge jenseits einer biografischen Interpretation
der Dohm-Texte doch noch einmal eine Biografie geben, die den wahren
Gegebenheiten entspricht. Erst kürzlich aufgefundene Briefe von Hedwig
Dohm und auch neues Quellenmaterial, das die Autorin im dritten
Teil ihrer Arbeit auswertete, stützen diese Hoffnung.
Vielleicht
kommt sie sogar aus der Feder von Isabel Rohner. Immerhin ist es ihr
schon mehr als jeder bisherigen Biografin gelungen, wichtige
Forschungslücken zum Leben und Werk von Hedwig Dohm zu schließen. Auch
abgesehen davon, hat sie mit dem vorliegenden Buch bereits einen
unübersehbaren Grundstein für künftige Forschungen zur Namensgeberin
der
Hedwig-Dohm-Urkunde
gelegt, die der Journalistinnenbund für herausragende Leistungen von
Kolleginnen jährlich verleiht.
Besprochen von Marlies Hesse Isabel
Rohner: In litteris veritas. Hedwig Dohm und die Problematik der
fiktiven Biografie. Berlin: Trafo Verlag 2008. 329 Seiten. 39,80 Euro.
Hedwig
Dohm: Schicksale einer Seele. Neu aufgelegt in der Edition Hedwig Dohm,
herausgeben von Nikola Müller und Isabel Rohner. Berlin: Trafo Verlag
2007. 319 Seiten. 24,80 Euro.
Hedwig Dohm: Werde, die du bist.
In: Nikola Müller und Isabel Rohner (Hg.): Hedwig Dohm – Ausgewählte
Texte. Berlin: Trafo Verlag 2006, S. 33-92. 24,80 Euro.
Siehe auch:
Neuer Grabstein für Hedwig-Dohm-Grabstätte in Berlin fertiggestellt (April 2008)
