Spuren ins Jetzt – die neue Biographie über Hedwig Dohm

Buchcover

Treffender als mit „Spuren ins Jetzt“ hätte Isabel Rohner den Titel ihrer Biografie über  Hedwig Dohm  (1831-1919) nicht wählen können, denn die politische Weitsicht, die unerschrockene Courage  und messerscharfen Analysen einer der wichtigsten deutschsprachigen Autorinnen des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts wirken bis in die unmittelbare Gegenwart nach. Viele der Forderungen Dohms sind bis heute aktuell geblieben.

Nicht von ungefähr wählte der Journalistinnenbund sie als Vorbild und zur Namensgeberin der höchsten Auszeichnung, die der Verband seit 20 Jahren jährlich verleiht. Und welch wunderbarer Tag, als im Herbst 2007 auf dem Alten St. Matthäus-Kirchhof in Berlin für die Publizistin und Philosophin ein neuer Grabstein aus weißem Marmor mit rotem Glas feierlich enthüllt wurde. Er trägt die Inschrift ihres berühmten Zitats „Menschenrechte haben kein Geschlecht.“ Luftballons stiegen anschließend in den Himmel, um an die lange in Vergessenheit geratene Pionierin der modernen Frauenbewegungen in Deutschland  eindringlich zu erinnern. Schon 1873 hatte sie als eine der Ersten das Stimmrecht der Frauen gefordert. Zeitlebens kämpfte sie um  die völlige Gleichberechtigung der Geschlechter.

Seit die Literaturwissenschaftlerin Isabel Rohner und die Historikerin Nikola Müller ihre reichen Archiv-Funde in die Herausgabe der von ihnen kommentierten Edition des Gesamtwerks einfließen ließen, lag das Verfassen einer neuen Biografie greifbar nahe.  Eine verdienstvolle Gelegenheit, all die Fehler auszumerzen, die sich seit den 1980er Jahren als Fehlinterpretation in die Wiedergabe der Lebensgeschichte der politischen Akteurin eingeschlichen hatten.

Allein durch die langwierige  Auswertung von über 100 mühsam aufgefundenen Briefen (s. Rezension „Briefe aus dem Krähwinkel“, jb-post 6/09, S.16) wird nun ein aufschlussreicher Blick in die berufliche und private Lebenswelt von Hedwig Dohm vermittelt, wie er umfassender kaum denkbar erscheint. Vor allem gelingt es der Biografin absolut, die lange Zeit aus den Romanen und Novellen abgeleiteten biografischen Lesarten für immer  als Irrtümer abzutun und damit zugleich eine fundamentale Forschungslücke zu schließen. 

Sogar nach Italien ist Rohner gereist, um Hedwig Dohms Aufenthalt 1869-1870 in Rom zu rekonstruieren und nachzuvollziehen, was sie vor Ort zu ihrem Roman „Schicksal einer Seele“ inspiriert haben mag. Verständlich ist bei  ihrer Spuren-Suche die faszinierende  Vorstellung, jetzt  selbst zu sehen, was die Schriftstellerin schon vor über 100 Jahren wahrnahm. Gerade an dieser ungewöhnlichen Reportage, die sich gut in das Gesamtkonzept einfügt, wird besonders deutlich, wie einfühlsam sich die Betrachterin der von ihr verehrten Autorin zu nähern weiß.

Angefangen bei der „Jugend in Berlin“ über das familiäre Umfeld mit Ehemann und Töchtern bis hin zum Kapitel „Hedwig Dohms letzte Jahre“ stellt Rohner nicht nur die „Radikale Denkerin“ und „Meisterin der Vielseitigkeit“ mit ausgewählten Zitaten und Texten aus ihrem Werk vor. Sie lenkt angesichts des neuen Quellenmaterials die Aufmerksamkeit der LeserInnen auch bewusst auf Dohms Freundschaften und die dichten sozialen Netzwerke, die sie damals umgaben.

Die erfolgreiche Hedwig-Dohm-Ausstellung (s. jb-post1/2010, S.6,7), die Isabel Rohner erst kürzlich in der FernUniversität Hagen der Öffentlichkeit präsentierte, ist ein Signal dafür, dass die Verfasserin der vorliegenden Biografie ihre Suche nach weiteren historischen wie literarischen Dokumenten nicht aufgeben wird, um Hedwig Dohms Andenken auch in Zukunft zu bewahren.

Marlies Hesse

Isabel Rohner , Spuren ins Jetzt – Hedwig Dohm – eine Biografie
Sulzbach/Taunus 2010. Ulrike Helmer Verlag, 19,95 €,
ISBN 987-3-89741-299-6




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