Luc Jochimsen
Luc Jochimsen bei der Preisverleihung

Hedwig-Dohm-Urkunde 2000: Luc Jochimsen

Vita

1961-1975: Freie Autorin für Rundfunk und Fernsehen
1971: Adolf-Grimme-Preis
1975-1985: Redakteurin des ARD-Magazins "Panorama"
1981: Alexander-Zinn-Preis
1984: Prix Italia
1985-1988: ARD-Korrespondentin in London
1988-1991: Leiterin der Redaktion Feature/Auslandsdokumentation des NDR
1991-1993: ARD-Studioleiterin in London
seit 1994: Fernseh-Chefredakteurin des Hessischen Rundfunks

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Aus der Laudatio

(...)

Frankfurt, Anfang der 50er Jahre. Die Schülerin Lucretia Schleussinger ist so fünfzehn, sechzehn Jahre alt. Sie schreibt für die Schülerinnenzeitung der Bettinaschule und für die Zeitschrift “Junges Europa“. Und - immer wieder ärgert sie sich über blöde Sprüche, die auf ihren Vornamen zielen. Lucretia, wer heißt schon Lucretia, von der so ein Pennäler doch weiß, daß sie ein ganz gefährliches Weib war? (...) Irgendwas von dieser Namensahnin blieb an Lucretia Schleussinger hängen - so jedenfalls erlebte sie es - und kam zu dem kühnen Schluß, ihren Vornamen zu ändern. Dabei hatte sie offenbar auch den Vorteil im Blick, nicht gleich als Frau erkannt zu werden, wenn sie Manuskripte verschickte. “Wenn sie von Lucretia Schleussinger kommen, so die Befürchtung, dann könnten Redakteure denken: “Das ist ein Poesiealbum oder so etwas.“

Luc ging dann 1953/54 als Austauschschülerin nach Amerika und brachte einen ganzen Bauchladen von Geschichten und Reportagen mit und bot sie im Hessischen Rundfunk an. Mit einem Missionar sei sie durch Indianerreservate geritten und empört darüber, wie die Amerikaner mit den Indianern umgehen. “Ich besaß eine ganz wunderbare engagierte Art von Empörung nach dem Motto: “Wußten Sie das überhaupt?“. Eine wunderbare Art von Empörung! Heute, so fürchte ich, würde mancher Redakteur Sie mit einem “Seien Sie doch nicht so pc!“, so politically correct tüchtig dämpfen.

Nach dem Abitur Heirat und Umzug nach Hamburg. Von da aus studierte sie in Münster Soziologie und Geschichte, promovierte 1961 bei Helmut Schelsky. Dann freie Journalistin für den Hörfunk, später auch Fernsehen bis der NDR ihr anbot, als Redakteurin zu “Panorama“ zu kommen. Wenn ich mir vorstelle, 1975 hätte man mich gefragt, ob ich zu “Monitor“ kommen möchte, hätte ich mich im journalistischen 7. Himmel gefühlt.

(...)

Nach sechs, sieben Jahren hatte die Panorama Redakteurin das Gefühl, daß ein Wechsel angesagt wäre. Zäh mußte sie über Jahre hin verhandeln bis sie 1985 endlich als Korrespondentin nach London geschickt wurde, mit einem befristeten Vertrag über sechs Monate. Das ist so gut wie eine Probezeit für eine Journalistin, die seit 24 Jahren als Freie und Feste erfolgreich gearbeitet hatte! Daß sie diesen Vertrag diskriminierend fand, war für den Chefredakteur “Prinzipienreiterei“. Der Vertrag wurde nicht geändert, wohl aber verlängert, so daß sie “im wunderbaren Alter von über 50“ drei Jahre lang als junior correspondent aus England berichten durfte. Dann zurück nach Hamburg als Leiterin der Featureredaktion und 1991 wieder nach London, diesmal aber als Studioleiterin. In den zwei Hamburger Jahren bestätigt sie den Verdacht, daß Frauen, die sich journalistisch mit Frauenthemen befassen, auch im Sender aktiv für Frauenförderung eintreten könnten. (...) Einigermaßen überraschend kam dann Ende 1993 die Anfrage, ob sie als Nachfolgerin von Wilhelm von Sternberg als Chefredakteurin nach Frankfurt kommen will. Mit einer solchen Aufgabe hatte sie, wie sie sagt, kaum mehr gerechnet, nachdem frühere Bewerbungen beim HR und bei Radio Bremen erfolglos gewesen waren.

Da wir heute eine Fernsehjournalistin ehren, möchte ich noch eingehen auf zwei Filme, die mich sehr beeindruckt haben und die viel über ihre Autorin aussagen. Der eine stammt aus ihrer England-Zeit und erzählt die Geschichte von Susie, die strippt. Die Geschichte spielt in Newcastle im Nordwesten Englands. Früher Stahl, Kohle, Schiffsbau. Heute 25% Arbeitslosigkeit. Das erfahren wir aber erst, nachdem wir Susie in einer Szene kennen gelernt haben, wo sie sich am Sonntagmorgen schminkt und fertig macht für die Arbeit. (...) Bemerkenswert finde ich an diesem Film, daß die Reporterin nicht nur genau das tut, was sie schon als Schülerin für den Journalismus so begeistert hat “zu beobachten und zu berichten“, sondern was sie beobachtet und wie sie es erzählt. Ein Mann hätte das Leben im abgewirtschafteten Newcastle sicher nicht aus der Perspektive von Hausfrauen und Müttern gesehen, die strippen.

Der zweite Film heiß “Umgang. Geschichten aus einem Mietshaus“. Er bekam 1984 den Prix Italia. Es geht um einen psychisch kranken Mann, dessen laute, unverständliche Reden an ein imaginäres Publikum die Nachbarn nicht ertragen. Er soll ausziehen. Es kommt zu einer Räumungsklage und zur Zwangseinweisung in eine psychiatrische Abteilung. Am Ende des Films kann er wieder in seine Wohnung ziehen. Ein Jahr lang beobachtet das Team sowohl den Protagonisten als auch die Mitbewohner, und wir erfahren am Rande, welchen Einfluß die Anwesenheit des Teams auf den Verlauf der Geschichte nimmt. (...) Ich konnte nur auf zwei Beispiele eingehen. Sie zeigen die Qualitäten, die wir mit dieser Ehrung hervorheben. Es ist die "andere" Geschichte, die sonst verborgen bleibt (...) ohne Sentimentalität, aber mit großer Empathie; und es ist der kritische Blick auf gesellschaftliche Zustände, Mißstände. Ich möchte mir wünschen, daß Sie, Luc Jochimsen, als Chefredakteurin für solche Filme Geld und Sendeplätze herzaubern - so muß man das unter den gegebenen Umständen wohl nennen. Ich möchte uns wünschen, daß Sie ein offenes Ohr haben für Kolleginnen, die wie Sie, eine wunderbare engagierte Art der Empörung haben, gerade weil sie so unmodern geworden ist.

Empörung hat auch diejenige Frau umgetrieben, mit der der Journalistinnenbund seine Ehrung verbindet - nämlich Hedwig Dohm.

(...)

Von den ungezählten Frauen, die sich empört haben über Unrecht und denen diese Empörung Mut gemacht hat, zu schreiben und zu handeln, gibt Hedwig Dohm unserer Ehrung den Namen. Heute, wie ich gesagt habe, trifft es Sie, Luc Jochimsen. Wir freuen uns, daß sie bei uns sind, und Sie hoffentlich auch.

Laudatio gehalten von Inge von Bönninghausen

 

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