
| 1937: | geboren in Westpreußen |
| 1965: | Nachwuchsstudio des NDR mit Axel Eggebrecht |
| 1966-1970: | Freie Mitarbeiterin für den Rundfunk |
| 1970-1972: | Redakteurin in der Kulturabteilung des NDR |
| 1972-2001: | Leitung des Ressorts Frauenfunk/NDR |
| 1998-2001: | Leitung der Abteilung Feature im NDR |
| Juni 2001: | Ende der Berufslaufbahn beim NDR |
Liebe Ute,
vor unserm ersten Treffen im Februar 1989 wollte ich gern wissen, wie ich mir dich vorzustellen hätte. Ich war damals neu in Hamburg und kannte nur einen, den ich fragen konnte: Es war einer deiner jüngeren Kollegen vom NDR. Er dachte einen Augenblick nach, dann sagte er: Ute Bromberger? Sie ist eine Fee.
Dann sah ich dich und gab ihm recht. Die zierliche Erscheinung, die langen Haare, die optische Verwandtschaft mit Virginia Woolf und Nadine Gordimer. Ich reichte dir das Manuskript, das ich probeweise verfasst hatte. Es war eine Glosse, irgendwas über die martialische Sprache des Skatspiels. Dein Gesichtsausdruck hinter der Lesebrille blieb völlig ungerührt, während du die Seiten überflogst. Mir fiel ein: Es gibt nicht nur freundliche Feen, sondern auch böse, rachsüchtige. Was tun sie mit einem, wenn man sie beleidigt mit einem schlechten Manuskript?
Wenn du mich damals - so wie im Märchen - in einen Frosch verwandelt hättest, dann stünde ich jetzt nicht hier. Stattdessen fand ich mich auf dem Saatbeet deiner Nachwuchszucht wieder, und da ging es mir gut. Deine Art zu loben, Ute, war einfach wunderbar. Das Schönste war der Klang deiner Stimme dabei. Die kleinen Glanzlichter eines Lächelns, die darin mitschwangen und sich im Hirn deines Gegenübers energetisch festmachten als dringlicher Appell: Probier was Neues aus! Trau dich! Du schaffst das!
Ob es eine grundsätzliche Allianz zwischen Fee und Feminismus nach Georges Sand gibt, weiß ich nicht, aber in deinem Fall gibt es eine. Es war 1972, in den Aufbruchsjahren des Feminismus, als du die Leitung des NDR-Frauenfunks übernahmst. Du warst fünfunddreißig, hattest Axel Eggebrechts berühmtes Nachwuchsstudio absolviert und eine Weile als Kulturredakteurin gearbeitet. Eine ausgewiesene Feministin warst du nicht. Du hast das Kunststück hingekriegt, dir den Respekt der F.R.A.U.-Aktivistinnen zu erwerben, während du hochhackig und im undinengrünen Minikleid die männlichen Kollegen betörtest. In den Neunziger Jahren ging so was, in den Siebzigern brauchte man schon eine gehörige Portion Souveränität, um sich weder von den einen noch den anderen vereinnahmen zu lassen.
Übrigens: F.R.A.U., das war die erste feministische Frauengruppe in Hamburg, das: Forum zur Restlosen Abschaffung der Unterdrückung. Aus Veteraninnen-Kreisen wird berichtet, dass du ein Ziel der Gruppe in deinem Führungsstil von Anfang an verwirklicht hattest. "Von gleich zu gleich" habest du deine Autorinnen und Mitarbeiterinnen behandelt, deine Generalfeldmarschallinnen im Feenreich an der Rothenbaumchaussee, Frau Nielsen und Frau Erberich. Ist das möglich? Oder war das eine der Selbsttäuschungen deiner Generation? Deine langjährige Mitstreiterin Ursula Voss jedenfalls staunt heute noch, mit welch nobler Selbstverständlichkeit du damals sie auf die Weltfrauenkonferenz nach Nairobi schicktest - anstatt die Vorgesetzte herauszukehren und selbst zu fahren.
Von dir habe ich gelernt, dass Radio ein Gemeinschaftsprodukt ist. Ich kann berichten, wie es dir gelang, eine aufgebrachte Cutterin, einen gelangweilten Toningenieur, eine kopflose Autorin und ein schreiendes Baby auf deinem Schoß mit taktischem Geschick und Fingerspitzengefühl zu einem Team zusammenzuführen. Nur egomanische Jungstars, die konntest du ziemlich kühl abblitzen lassen.
Ein paar Betriebsgeheimnisse hütest du bis heute, zum Beispiel: Wie hast du es bloß geschafft, den Eindruck zu erwecken, du hättest so gut wie immer Zeit? Und das bei den vielen Stunden Sendezeit, die du wöchentlich zu füllen hattest. Wann immer man zu dir kam in dein großes helles Redaktionsbüro - übrigens hab ich dich mehrfach umziehen sehen, immer in neue, große, helle Räume, etwas anderes hätte man dir vermutlich gar nicht anzubieten gewagt - wann immer also man zu dir kam, du nahmst dir Zeit, viel Zeit zum Reden. Wenn das Gespräch einen etwas mäandernden Charakter kriegte, anders gesagt, wenn man vom Höcksken aufs Stöckchen kam, dann schien dich das nicht zu stören, im Gegenteil. Denn es sprang immer eine Idee, ein Thema, irgendetwas dabei heraus. Das ging etwa so - wobei man wissen muss, dass du deine Autorinnen in der Anfangszeit nie ohne genaue Planskizze in die verschlungenen Gänge des Funkhauses schicktest - "Und hinter der Glasbrücke, da, wo der blaugraue Linoleumbelag in den dunkelroten Filzboden übergeht - da musst du dich rechts halten." Daraus konnte sich zwanglos ein Gespräch männliche versus weibliche Architektur ergeben und - ah ja, das neue Buch von Sigrid Weigel, Die Weiblichkeit der Städte. Darüber könnte man doch mal berichten - aber nicht mehr als 4:30 bitte. Ähnlich wie bei der Analyse, wo es auch ganz egal ist, wo man anfängt, man landet doch bei dem, was dran ist. Hier wie da fühlt man sich wie von einem unsichtbaren, spinnwebzarten und doch festen Faden gelenkt.
Sie liefen an deinem Schreibtisch zusammen, die vielen Fäden, die du zu dirigieren hattest. Mit graziöser Geste maltest du Kringel und Ranken auf die Papierstapel vor dir, während du in alle Welt telefoniertest: mit Anne Bauer in Paris, Ursula Ucicky in Wien oder Carmen Rossinelli in Madrid. Eine Weile hattest du auch Franca Magnani an der Strippe. Worüber habt Ihr gesprochen? Nicht über Politik im engeren Sinn, denke ich. Die konntest du getrost den Nachrichtenmachern überlassen.
Nein, das was deine "Horizonte" (der langjährige Titel Deiner Sendung) ausmachten, das war der konsequente Blick auf weibliche Lebenswirklichkeiten als Reflex auf politisches Geschehen. Und der war eben so nuanciert und vielfältig wie deine Autorinnen unterschiedlich waren. Wen hättest du wohl zu Wort kommen lassen im derzeitigen Konflikt zwischen Israel und Palästina? Sicherlich Grenzgängerinnen wie jene junge Frau: russische Jüdin und Mathematikerin, die jetzt in Jerusalem lebt und verbotenerweise in den israelischen Siedlungen unterwegs ist, um das immer noch bestehende nachbarschaftliche Miteinander von Palästinensern und Juden mit der Kamera festzuhalten. Darum habe ich mich niemals besser informiert gefühlt als zu der Zeit, als ich leidenschaftliche Hörerin deiner Sendungen war. Das war gerade nicht "kompakt", sondern so differenziert und vielschichtig, wie das Leben eben ist - Radio zum Zuhören, nicht zum Abschalten nach einer Viertelstunde.
Liebe Ute, ich möchte dich gern zitieren. In einer Sendung von Heide Soltau über die Geschichte des Frauenfunks, die Anfang der Neunziger Jahre gelaufen ist, hast du Folgendes gesagt: "Frauen sehen einfach die Welt anders und darum bleibt es interessant. Frauen sehen die Welt eben etwas breiter gewinkelt. Sie sind vielleicht mit ihrem Blick auf Dinge intensiver unterwegs als Männer, die doch sehr berufsbezogen die Welt betrachten. Und so erfahren wir dann aus dem Blick von Frauen und ihrer Reflexion auch ganz andere Dinge, als wir sie von Männern erfahren. Und das, finde ich, bleibt auch." Ich bin nicht sicher, ob du diesen letzten Satz heute immer noch so unterschreiben würdest. Was aber bleibt ist deine Leistung der letzten dreißig Jahre. Was bleibt, ist das, was du vielen mit auf den Weg gegeben hast. - Mir hast du - als freundliche Fee - mehr als drei Wünsche erfüllt. Dafür danke ich dir. Du warst eine eminent gute Redakteurin - und solltest du jemals geneigt sein, daran zu zweifeln: Die Hedwig-Dohm-Urkunde soll dich daran erinnern.
Laudatio gehalten von Jutta Jacobi